14.01.2026 / Distr@l
KI-System unterstützt Tierärztinnen und -ärzte
Behandlungen und Diagnosen bei Tieren sind häufig kostspielig. Zugleich ist es für Tierärztinnen und -ärzte aufgrund der Vielzahl aber auch der schnell wachsenden Anzahl von Tierarten und dem Rückgang von praktischen Tierärztinnen und -ärzten nicht immer einfach, die richtige Diagnose zu stellen.
Babenhausen. Die VBS GmbH, Veterinary Academy of Higher Learning, mit Sitz in Babenhausen hat dies als Anlass genommen, eine Software zu entwickeln, die mithilfe einer Künstlichen Intelligenz die Erstellung der Diagnose und die Dokumentation erleichtert. Das Hessische Ministerium für Digitalisierung und Innovation hat das Projekt in den vergangenen zweieinhalb Jahren mit rund 495.000 Euro aus seinem Programm Distr@l gefördert.
„Das Projekt zeigt eindrucksvoll, welches Potenzial in moderner KI-Technologie selbst für die hoch spezialisierte tiermedizinische Versorgung steckt. Die KI-gestützte Diagnosesoftware entlastet Tierärztinnen und Tierärzte spürbar, erhöht die Qualität der Diagnosen und schafft damit einen echten Mehrwert für Mensch und Tier. Dass wir diese Entwicklung mit Distr@l unterstützen konnten, freut mich besonders: Es ist ein Beispiel dafür, wie Hessen digitale Exzellenz verbindet, fördert und in die Praxis bringt“, sagt Digitalministerin Prof. Dr. Kristina Sinemus.
Mediziner erhalten vielfache Unterstützung
Zwei bis vier Stunden pro Tag benötigten viele Tierärzte, um Berichte zu schreiben, haben die Projektverantwortlichen die Erfahrung gemacht. Zugleich sei die Suche in der Literatur nach möglichen Diagnosen oft zeitaufwändig oder es fehle die Erfahrung, komplexe Krankheitsbilder in der nur kurz zur Verfügung stehenden Untersuchungszeit umfassend zu erkennen, vor allem bei der Vielzahl an unterschiedlichen Tierarten. Mit der entwickelten Software erhalten die Mediziner nun vielfache Unterstützung. Ausgangspunkt ist die Untersuchung des Tieres. Während der Untersuchung können Tierärztin oder -arzt erzählen, was sie feststellen, also ob zum Beispiel ein schmerzhaftes Gelenk, eine Verspannung oder Muskelverdickung vorliegt. Die Software erfasst die Worte automatisch und markiert die entsprechenden Körperstellen in unterschiedlichen Farben, also einer bildhaften Darstellung des gesprochenen Textes, so dass das Tier für die Datenerfassung nicht losgelassen werden muss, was je nach Verhalten des Tieres sehr von Vorteil sein kann. Um diese Markierungen detailliert zu ermöglichen, haben die Projektbeteiligten das jeweilige Tier in der Software sehr aufwändig in kleine Teile entsprechend der funktionellen Anatomie unterteilt. Einfachere Diagnosen, die häufig vorkommen, haben dazu gedient, die KI zu trainieren. Parallel wurde mittels einer Doktorarbeit eine Methode entwickelt, anhand nur weniger echter Daten eine sehr hohe Zahl von quasi virtuellen Daten zu erzeugen, um die KI weiter zu trainieren. „Wir haben hier eine sehr hohe Präzision erreicht“, freut sich Dr. Beate Egner, Geschäftsführerin der VBS GmbH und Tierärztin. „Denn in der Medizin haben wir eine sehr hohe Streuung, so dass es schwierig ist, eine KI zu trainieren. Wenn ein Tier multimorbid ist, also mehrere Probleme hat, wird es noch schwieriger, eindeutige Daten zu bekommen.“
Zeitaufwändige Suche entfällt
Ein weiterer Schritt war das Training der KI mit tiermedizinischer Literatur. Dadurch kann die Software anhand der Untersuchungsdaten des Tieres nach möglichen Diagnosen suchen, die dann mit einer Wahrscheinlichkeit versehen aufgelistet werden. Dazu werden die Links zur Literatur mitgeliefert, so dass eine zeitaufwändige Suche entfällt. Ebenso werden notwendige weitere Untersuchungen und Behandlungsmöglichkeiten aufgezeigt, ebenfalls mit einer Prognose zum Gesundheitszustand des Tieres versehen, wenn man zum Beispiel eine Behandlung direkt durchführt und nicht erst in mehreren Jahren. Dies sei für Besitzerinnen und Besitzer oft ein hilfreicher Anhaltspunkt. Denn Behandlungen seien häufig mit hohen Kosten verbunden, die sich nicht jeder leisten könne. Die neue Software helfe auch grundsätzlich, Kosten zu sparen. Denn gerade bildgebende Verfahren, die sehr teuer seien, könnten oftmals eingespart werden, da die Untersuchung dank der Software-Unterstützung systematischer angegangen werden könne. „Wir wollen den Tierarzt nicht ersetzen, dieser ist immer erforderlich. Aber wir wollen dem Tierarzt Zeit und die Suche in der Literatur ersparen“, erläutert Dr. Egner. „Und die KI liefert vielleicht auch andere Ideen für eine mögliche Diagnose.“
Testphase zunächst auf Hunde beschränkt
Während des Projekts dienten Daten aus kooperierenden Kliniken als Basis. Seit Kurzem wird die Software für eine weitere zwei- bis dreimonatige Testphase angeboten, zunächst auf Hunde beschränkt. Spätestens ab Mai, vermutlich auch schon früher, soll die Software für alle Tierarten und alle Interessierten zur Verfügung stehen. Laut Dr. Egner seien die monatlichen Lizenzkosten für die Software schon mit einem Tag Zeitersparnis für die Tierärztinnen und -ärzte wieder aufgerechnet.
Neben Dr. Egner ist Dr. Barbara Esteve Ratsch, Tierärztin mit Schwerpunkt im Fachgebiet „Physikalische Medizin, Rehabilitation und Sportmedizin“ an dem Projekt beteiligt. Die Entwicklung der Software zur Digitalen Diagnoseunterstützung lag in den Händen von Prof. Ute Trapp, Professorin für User Experience, sowie von Prof. Elke Hergenröther, Professorin für Visual Computing, beide aus dem Fachbereich Informatik der Hochschule Darmstadt und Prof. Romana Piat, Professorin für Numerische Mathematik vom FB Mathematik und Naturwissenschaften der gleichen Hochschule.
Hintergrund
Mit Stand Anfang November 2025 sind bereits 165 Projekte mit einem Fördervolumen von rund 53 Millionen Euro bewilligt worden. Hinzu kommen rund 29 Millionen Euro Kofinanzierung aus der Wirtschaft, sowie rund 4,5 Millionen Euro aus dem EFRE Programm 21+. Ausführliche Informationen zum Projekt gibt es auf der Plattform LIDIA.
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Markus Büttner, Pressesprecher HMD